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Alto de la Línea – 21 kolossale Kilometer

Alto de la Linea - Ausblick vom Rennrad Pass in Kolumbien

Alto de la Línea

Was für die lokale Rennrad-Szene der Hausberg ist, war für mich das zweirädrige Highlight meiner Zeit in der kolumbianischen „Zona Cafetera“: der Anstieg auf den knapp 3300 Meter hoch gelegenen Pass „Alto de la Línea“, den kolumbianischen „Passo dello Stelvio“.

Land:Kolumbien
Rang:Weltweit #56, National #2
Distanz:21,5 Kilometer
Höhenmeter:Start: 1.500m, Ende: 3.265m, positiver Anstieg: 1.800m
Steigung:7,9% im Durchschnitt, 16% Maximum

Lebensgefährliche Legende

Entlang Kolumbiens kommerzieller Schlagader von Ost nach West, der „Ruta Nacional 40“, überragt ein Wegpunkt in vielerlei Hinsicht alle anderen: der 3265 Meter hohe Pass „Alto de la Línea“.
Ihm eilt nicht nur der Ruf als der wichtigsten nationalen Verkehrsroute voraus, sondern aufgrund des Klimas und der Geographie auch der der gefährlichsten.

Moment, was?
Die Statistik spricht Bände, passieren hier doch viermal so viele Verkehrsunfälle als im nationalen Durchschnitt (200 pro Jahr, um genau zu sein). Die quasi nicht vorhandenen Seitenstreifen auf der teils schmalen, vielbefahrenen Bergstraße scheinen auch nicht gerade einen positiven Effekt zu haben. Zusammen mit der steten Gefahr von Erdrutschen während tropischer Wolkenbrüche machen sie den „Alto de la Línea“ zur wohl berüchtigtsten Passstraße Kolumbiens.

Majestätischer Mythos

Von LKW-Fahrern wegen ihrer engen Haarnadelkurven und steilen Abschnitte gefürchtet, stellt die kurvige Passstraße in Kolumbiens Kaffeeregion eine unwiderstehliche Anziehungskraft und zugleich enorme Herausforderung für jeden begeisterten Radfahrer dar.
Dass „La Línea“ als Etappenziel im nationalen Profiradsport im Rahmen der „Vuelta a Colombia“ fest verankert ist, trägt zusätzlich zum Kultstatus dieses Passes bei.

Vuelta a Colombia bei Anstieg La Linea
© colombia.as.com / Radprofis beim Anstieg von „La Línea“ – schneller als der motorisierte Verkehrsalltag

Kein Wunder also, dass meine schweißtreibenden Einheiten (und die der anderen!) im lokalen Rad-Trainingszentrum „BICIO“ nur ein Ziel hatten: fit zu werden für den aufreibenden Anstieg hoch zum imposanten Andengipfel.
Doch die Auffahrt mit dem Rennrad will gut geplant sein. Mehrmals mussten wir das Unterfangen aufgrund prasselnden Regens kurzfristig abblasen. Viel zu hoch sei die Gefahr bei nasser Bergstraße – in erster Linie ausgehend vom motorisierten Verkehr.

Das beste Timing kam dann unverhofft. Dank des nationalen Lockdowns wurde der Abgase ausstoßende Schwerlastverkehr auf ein Minimum reduziert, dank tropischer Trockenzeit war Kaiserwetter prognostiziert – und unser Anstieg endlich terminiert.

Einmal Himmel und zurück

Vorm Haus ist nicht vorm Berg

Die Aufregung ist groß, die Anspannung spürbar. Mein stählernes Gravel Bike abends zuvor noch gecheckt und geölt, geht es am frühen Morgen kurz vor Sonnenaufgang los.
Beginnend in Armenia, gelegen auf knapp 1500 Metern, radeln wir gemütlich gemeinsam gut zehn Kilometer bis in die Nachbarstadt Calarcá, den Ausgangspunkt für den eigentlichen Anstieg.
Die ersten 200 Höhenmeter sind da bereits auf dem Fahrrad-Computer drauf.
Es sollen nicht die letzten sein, kennt die heutige Tour doch nur eine Richtung: gen Himmel!

Radfahren La Linea Kolumbien

Anstiegssache

Noch schnell ein schwarzer „Tinto“-Kaffee, dann geht´s bergauf!
Und das nicht alleine. Ob einzeln, zu zweit oder in Gruppen, ob auf rostigem Mountainbike oder Hightech-Rennrad – dutzende RadlerInnen in sämtlichen Altersklassen scheinen dem sonnigen Ruf der Bergspitze erlegen zu sein.

Die erste Hälfte des Anstiegs sei der leichtere Teil, sagten sie mir, mit einer durchschnittlichen Steigung von knapp unter 8% und wenigen steilen Rampen. Mein Gedanke ist klar: breit-bereiftes Gravel Bike, schwereres Gewicht, erstmaliger Anstieg – ich werde es zunächst ruhiger angehen.
Doch kaum in die Klicker-Pedale eingerastet, gehen die ersten – ganz die kolumbianischen Bergfahrer – aus dem Sattel und ziehen auf ihren dünnbereiften Carbon-Rennrädern das Tempo an.
Ich weiß nicht, was zuerst bei 180 ist: meine geradelten Sekunden oder mein rasender Puls.
Was das wohl für den zweiten Teil heißen mag?

Die dehnbare Länge von elf Kilometern

Nichts allzu Gutes jedenfalls. „El infierno“ nennen sie den zweiten Abschnitt, übersetzt „die Hölle“. Ohne Pause geht es nichtsahnend in eine kurze Senke, nur damit mich die restlichen elf Kilometer gleich mit einigen engen Haarnadelkurven samt einer 16%-Steigung willkommen heißen können.
Es soll nur der erste von etlichen weiteren Abschnitten mit Steigungen im zweistelligen Bereich sein, die mich aus dem Sattel zwingen. Wer hier nicht zuerst am Gipfel ankommen wird, das ist mir mittlerweile klar.

Die letzten Kilometer werden zum absoluten Willenskampf.
Zur Ermüdung in den Oberschenkeln gesellt sich auch noch ein böiger Gegenwind, der sowohl meine Sitzposition als auch Trittfrequenz sinken lässt.
Der nötige Ansporn kommt dann einerseits verbal durch spanische Anfeuerung aus unserem Begleitauto und andererseits visuell anhand des grandiosen Blicks auf das satt-grüne Hochgebirge.

Ein krönender Abschluss

21 Kilometer und 1800 zermürbende Höhenmeter später komme ich dann komplett verausgabt aber euphorisiert am „Alto de la Línea“ an – und bei weniger als zwei Stunden Fahrzeit innerhalb meines selbst gesteckten Zeitziels.
Empfangen werde ich nicht nur von sechs Grad Außentemperatur und frischem Wind (wir sind bei 24 Grad losgeradelt!), sondern auch von meinen kolumbianischen Fahrradkumpanen. Unterschlupf gewährt uns vielen Radlern und den wenigen Truckern ein einfaches Gipfelhaus – eine ersehnte Stärkung inklusive. Letztere kommt in Form von Kaffee und einer heißen Schokolade mit einem Stück Milchkäse drin. Egal, her damit!

La Linea Gipfelfoto mit BICIO Radgruppe
Kolumbianisch-deutsches Radteam BICIO

Das Beste kommt allerdings zum Schluss: auf das krönende Gipfelbild mit meiner BICIO-Radgruppe folgt eine rasante, gut 20 Kilometer lange Abfahrt bei strahlendem Sonnenschein und atemberaubender Aussicht.
„¡Coroné!

La Línea heute

Leider kann der „Alto de la Línea“ seit Herbst 2020 von Calarcá aus mit dem Rennrad nicht mehr befahren werden. Grund dafür ist die Inbetriebnahme des längsten Tunnels Amerikas.
Umso größer ist daher meine Dankbarkeit, das Privileg der asphaltierten Auffahrt mit der BICIO-Gruppe gehabt zu haben.

Einen kurzen Einblick zu „La Línea“ vermittelt auch diese 5-minütige Reportage vom ARD-Weltspiegel.

Was war dein härtester Anstieg? Welche Erfahrungen hast du im luftigen Hochgebirge gemacht? Teile deine Erlebnisse gern mit einem Kommentar!

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