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Biken

Bikepacking von London nach Palling – Teil 1

Adventure Road Bike nebst Gedenkstein in Wales

Die Heimkehr auf zwei Rädern

Die Idee

Kennst du den Moment? Dir geht eine Idee durch den Kopf und du wirst sie nicht mehr los? Du weißt, dass diese Idee genial und deine Geduld nicht endlos ist?
Es war an der Zeit, meine in die Tat umzusetzen.

Nach knapp sechs Jahren in London stand meine Heimkehr an – auf zwei Rädern.
11 Tage Fahrrad fahren. Knapp 1200 Kilometer. Bikepacking quer durch drei Länder.

Warum mit dem Fahrrad?

Ich hatte Bock darauf. Bock auf ein Abenteuer. Bock auf eine neue Herausforderung. Bock auf die Freiheit auf zwei Rädern.
Ich wollte das Gegenteil einer Instant-Gesellschaft: Entschleunigung. Ich wollte das Gegenteil der meisten Reisenden: nicht am gleichen Tag ankommen.
Mit dem Fahrrad sollte ich flott genug vorankommen, um Kilometer zu machen. Zugleich gemächlich genug, um die Natur erleben sowie Landschaften sehen und dabei Wind, Wetter und meinen Fortschritt tatsächlich fühlen zu können. Das angedachte Übernachten unter freiem Himmel würde seinen Teil dazu beitragen.
Ich wollte Zeit für mich. Zeit, um ein Kapitel zu schließen und gleichzeitig mit freiem Kopf ein neues zu öffnen. Eine Radtour als Abschied und gleichzeitig als Auftakt.

Mit dem Ausbruch aus dem Alltag wollte ich meiner Leidenschaft nachgehen und mir neue Möglichkeiten eröffnen. Leider steht dieses Privileg der Selbstbestimmung nicht allen offen. Damit auch hilfsbedürftige Kinder ihr volles Potenzial entfalten können, radelte ich nicht nur für meinen guten Zweck.

Doch wie plant man eine knapp zweiwöchige Fahrradtour, idealerweise abseits asphaltierter Straßen? Vor allem, wenn auf wechselndem Terrain auch noch Gepäck und Camping-Ausrüstung mitzunehmen sind? Bikepacking und ein Gravel Bike sollten die Antwort sein.

Bikepacking – Die Planung

Was ist Bikepacking und warum kein Gepäckträger?

Kombiniere Mountain Biking mit minimalistisch gepackter Camping-Ausrüstung.
Tausche fest montiertes Touring-Gepäck gegen leichte Bikepacking-Taschen.
Voilà! Vereint ist das (nächtliche) Abenteuer in der Natur mit der Agilität des Fahrrads im Gelände. Egal ob Schotterpisten, Singletrack Trails oder Querfeldein.
Geschaffen ist die Freiheit auf zwei Rädern.

Die Planung begann mit einer Google-Navigation.

Wann ankommen? Wie viele Kilometer am Tag? Wo und wie übernachten?
Die Absicht war klar: Ich wollte täglich radeln, so weit und so konstant wie möglich. Vorankommen ohne mich hetzen zu müssen, mein Augenmerk dabei einzig auf meine Trittfrequenz und Mittagspausen gerichtet. Fahrten durch ehemalige Wohnorte sollten Nostalgie wecken und Besuche von Freunden willkommene Gesellschaft und einen Schlafplatz bereithalten.
Das Ankunftsdatum war mit der Einladung zur Hochzeit meiner Cousine bestimmt und der Zeitraum somit definiert.

Fahrradroute London - Palling in GoogleMaps
Die grobe Route.

Eine einminütige Routenplanung in Google Maps warf zunächst mehr Fragen als Antworten auf, sollten es doch 130 Kilometer sein, jeden Tag, 12 Tage lang. Trotz meiner sportlichen Ambitionen, die Entschleunigung sollte doch im Vordergrund stehen. Der längste Unterwassertunnel der Welt brachte die Lösung. Die zweistündige Zugfahrt mit dem Eurostar von London St. Pancras direkt nach Brüssel sollte mir drei Tagesetappen auf dem Gravel Bike ersparen. Das beladene Fahrrad kam mit an Bord, für den Preis hätte es jedoch auch ein zweiter Passagier sein können.
Die Auswahl der Schlafplätze überließ ich meinem Radelpensum und dem Wetter. Einzig für die erste Nacht hatte ich zwei Campingplätze außerhalb Brüssels auserkoren.

Die Planung ging weiter mit Perfektion.

Die ungefähre Strecke samt grober Einteilung in einzelne Etappenziele stand.
Die exakten Tagesrouten würde ich während der Fahrt jeweils am Vorabend in der App von Komoot erstellen. Tatsächlich genügen dabei ein Start- und Zielort, um den Algorithmus eine automatisierte Strecke entwerfen zu lassen. Diese kann durch die Eingabe von Präferenzen bezüglich der Art des Bikes, Terrains und Fitnesslevels sowie durch das manuelle Hinzufügen von Wegpunkten individuell angepasst werden. Dank Bluetooth-Übertragung muss ich dann nur noch der GPS Navigation auf meinem Garmin Edge folgen.
Mein Adventure Road Bike hatte sich schon auf kürzeren Touren in Schottland und Wales bewährt, genauso wie die wasserfesten Bikepacking Bags und die witterungsbeständige Lycra-Bekleidung.
Die Camping-Ausrüstung war nach intensiver Recherche rechtzeitig beschafft, wurde kurz zuvor erfolgreich eingeweiht und bereits am Fahrrad Probe gepackt. Die Planung war für mich abgeschlossen.

Adventure Road Bike in Wales
Mit dem Adventure Road Bike in Snowdonia, Wales.

Die Aufregung stieg, meine Vorfreude überwog sämtliche Bedenken. Euphorie machte sich beim Gedanken an das bevorstehende Bikepacking-Abenteuer breit. Noch sieben Tage, dann geht´s los!

Die Planung endete mit einer Improvisation.

Die Theorie

Es sollte eine ereignisreiche letzte Woche werden.
Mein Job navigierte mich für eine abschließende Dienstreise ins hessische Frankfurt, bevor meine finale Arbeitswoche in London anstand. Außerhalb des Büros wartete noch mindestens genauso viel Arbeit: Mobiliar loswerden und Wohnung räumen, Reinigung und Schlüsselübergabe organisieren, Fahrradgepäck samt Klamotten packen, Abschiedsfeierlichkeiten privat sowie beruflich planen, Abschiedsrede vor versammelter Belegschaft halten. Manches musste improvisiert werden.

Die Realität

Der Auftakt am Montagabend nach der Rückkehr aus Frankfurt sah dann so aus.

F**k! Sprach- und Fassungslosigkeit.
Die Euphorie war verflogen, das Entsetzen lähmend.
Jetzt aufgeben? Auf keinen Fall! Nach dem ersten Schock schnell wieder erholt, wollte ich mir meine Radtour nicht ruinieren lassen, nicht durch sowas.
Obwohl statistisch gesehen in London alle drei Minuten ein Fahrrad gestohlen wird, hatte ich dieses Szenario nicht auf dem Schirm. Vor allem nicht jetzt, nicht wenige Tage vor Abfahrt.
Ich hatte mein Adventure Road Bike seit genau einem Jahr und einer Woche.
Eine Woche zu kurz, sodass meine Heimkehr auf diesem Bike nicht mehr machbar war.
Eine Woche zu lange, sodass meine Diebstahl-Versicherung nicht mehr gültig war.
Ernsthaft?!
Ich hatte eine Fahrradtour geplant, einen Bikepacking Trip, eine Radreise, eine Heimkehr auf zwei Rädern. Egal wie ich es nannte, ich brauchte ein Fahrrad dazu. Trotz all der organisatorischen Baustellen waren die Prioritäten klar verteilt: ein neuer Drahtesel musste her.

Das Gravel Bike

Wie komme ich in vier Tagen an ein geländetaugliches Rennrad, bezahlbar, abholbereit und in meiner Größe verfügbar?
Durch ansteckende Begeisterung – und ein bisserl Glück.
Das Interesse am Biken war auch beim Kollegen geweckt. Reserviert hatte er zwei verschiedene Modelle des selbigen Herstellers zum Ausprobieren, eines davon wollte er kaufen. Wir hatten ähnliche Statur, aber unterschiedliches Terrain im Kopf.
Freitagabend 19.30 Uhr. Der letzte Arbeitstag war geschafft, die Probefahrt erfolgreich beendet und mein neues Gravel Bike sicher in meiner Wohnung.

Norco Gravel Bike Search
Ich hatte mein Fahrrad, die Heimkehr lebt wieder.

Am Samstag sollte zumindest noch Zeit für eine Testfahrt sein. 15 Kilometer und 50 Höhenmeter im Londoner Großstadtverkehr mussten reichen, um mich mit Bike und Komponenten anzufreunden. Ideale Vorbereitung sieht anders aus.
Am Sonntag hieß es packen und Goodbye sagen.
Die angedachte Entschleunigung wollte wohl verdient sein.

Bikepacking – Die Packliste

Was muss mit? Welche Bikepacking-Taschen brauche ich? Was soll wie untergebracht werden?
Das Wichtigste vorab: Weniger ist mehr!
Du musst kein Faltexperte nach Marie Kondo sein, um deine Ausrüstung am Bike unterzubringen. Ein bisserl Organisationstalent und System haben mir jedoch nicht geschadet.
Angestrebt war ein insgesamt leichtes Setup mit möglichst tiefem Schwerpunkt. Weniger Gewicht sollte mehr Spaß auf der Tour sowohl für mich als auch meine Beine bedeuten – schwere aber niedrig befestigte Gegenstände würden das Fahrgefühl weniger beeinträchtigen. Soviel zur Theorie.

Das Bike

Neuer Nickname: „The Tank“.
Fühlte sich mein ehemaliges Adventure Road Bike doch auf Asphalt und festem Untergrund weitaus wohler, war das eilig aufgetriebene Gravel Bike – wie tatsächlich auch für dieses anstehende Vorhaben gewünscht – deutlich offroad-lastiger.
So versprachen zum einen der Stahlrahmen samt Karbongabel zusammen mit den breiten Gravel-Reifen Komfort und Robustheit auch auf holprigem Boden. Zum anderen sollte die weniger aggressive Geometrie des Rahmens eine leicht aufrechtere Sitzposition ermöglichen, ideal für längere Ausfahrten. Insgesamt fünf vorgebohrte Flaschenhalterungen an Rahmen und Gabel sollten ein äußerst vielversprechendes Setup für Bikepacking und Touren komplettieren. Dieses Stahlross ist dabei kein Leichtgewicht: 10,5kg – ohne Gepäck und Zubehör. Zugegeben, zart liest sich anders.

Die Bikepacking Taschen

Sie sind das Herzstück des Bikepacking-Abenteurers, noch dazu, wenn kein zusätzlicher Rucksack mit soll. Mittlerweile gibt es für jedes freie Stück am Fahrradrahmen eine passende Tasche. Ausschlaggebend für die Expedition-Serie von Apidura war für mich, dass sie leicht, stabil zu befestigen und wasserfest ist – nicht zuletzt aufgrund des britischen Wetters. Letzteres sollte sich auch grenzüberschreitend auszahlen.

Norco Gravel Bike mit Apidura Expedition Bikepacking Bags
Mein Bikepacking Setup mit gepackten Taschen.

Auf kürzeren Touren in Großbritannien hatten sich bereits folgende Bags von Apidura bewährt und kamen folglich mit auf Tour:

  • Satteltasche / Saddle Bag – 17L
  • Lenkertasche + Zubehörfach / Handlebar Bag + Accessory Pocket – 9L + 4.5L
  • Rahmentasche / Frame Bag – 4.5L und
  • Oberrohrtasche / Top Tube Bag – 1L.

Einzig die Rahmentasche und das Zubehörfach für die Lenkertasche besorgte ich zwecks zusätzlichen Stauraums extra für die Heimkehr.

Das Gewand

Was nehme ich mit? Wie wird das Wetter? Brauche ich Freizeitkleidung?
Es war Ende September, die Heimkehr würde mich im Laufe der ersten beiden Wochen im Oktober von einer Insel im Nordatlantik quer durch Westeuropa gen Süden bis zu den Alpen führen. Den Erfahrungswerten und Wetterberichten folgend packte ich für drei Witterungen: Trockenheit, Kälte und Regen.

Bikepacking Packliste - Das Gewand
Einzig das Toilettenpapier musste letztlich weichen.

Meine Wunschvorstellung sah mich an durchgehend trockenen Sonnentagen ausschließlich luftige Lycra-Klamotte tragen:

  • Bibshort
  • Kurzarm Jersey
  • MTB-Schuhe
  • Fahrradsocken
  • Kurzfinger Handschuhe
  • Gilet.

Umsichtig wie ich war, wollte ich zusätzlich auch für kältere Tage gewappnet sein:

  • Langarm Jersey
  • Merino Radsocken
  • Bike Cap
  • Langfinger Neopren-Handschuhe
  • Langarm Fleece-Oberteil.

Vorsichtshalber durfte auch der Regenschutz mit:

  • Regenjacke
  • Regenhose.

Für die schickeren Abende abseits des Fahrradfahrens hatte ich eine stilsichere Jogginghose und Sportschuhe dabei. Die meisten Optionen sollten mir aber eine dreifache Auswahl an Unterwäsche geben. So leben die oberen Zehntausend!

Die Camping-Ausrüstung

Außer einem Mikrofaserhandtuch besaß ich nichts was annähernd campingtauglich war, geschweige denn transportierfähig am Fahrrad. Der Bedarf war demnach schnell abgesteckt – Zelt, Schlafsack und Isomatte mussten her, wollte ich doch der Natur so nahe wie möglich sein.

Das auserwählte Zwei-Personen-Bikepacking-Zelt war für drei Jahreszeiten ausgelegt, mit einem Packgewicht von 1,5kg ultraleicht und überzeugte daneben mit extra verkürzten Zeltstangen, womit diese perfekt in die Lenkertasche zwischen die Dropbars oder Rahmentasche passten.

Leichtigkeit und Kälteschutz standen auch beim Daunenschlafsack und der luftgepolsterten Isomatte im Vordergrund, stellten sie doch auch bei Minusgraden warmen Schlaf in Aussicht. Dabei brachten sie kombiniert kaum mehr als 1,5kg auf die Waage und dank Kompressionssack betrug die jeweilige Packgröße wenig mehr als die von zwei Trinkflaschen.

Daunenschlafsack und luftgepolsterte Isomatte
Das Schlafgemach.

Da ich nicht plante, mich komplett als Selbstversorger von Dosenfutter und Instant-Pasta zu ernähren, blieb die Campingküche außen vor.

Die Elektronik

Soviel ich das analoge Abenteuer in freier Natur feiere, ein bisserl Elektronik wollte ich mir zu Nutzen machen. Mein erprobtes Garmin Edge 130 zur Navigation der Tagesetappen zusammen mit dem Handy zur Planung dieser sowie zur Suche von Schlafplätzen sollten eigentlich ausreichen. Für mehr Sichtbarkeit und die kürzer werdenden Tage im Herbst kam noch ein Vorderlicht an den Lenker und ein kleines Rücklicht an die Satteltasche. Eine Powerbank mit USB-Ladekabel sollte sicherstellen, dass mir im schlimmsten Falle nur in den Beinen und nicht auch in der digitalen Welt der Saft ausgeht.

Der Proviant

Die Bikepacking-Route sollte mich durch einen relativ dicht besiedelten Teil Europas und nicht die Atacama-Wüste führen. Entsprechend leicht würden Cafés, Restaurants und Proviant zu finden sein. Abgesehen von zwei Wasserflaschen und einer Packung Riegel für den Energieschub unterwegs, hatte ich sonst nur Zahnpasta dabei. Letztere fand ich jedoch ebenso wenig appetitanregend wie schleimige Sportgels.

Sonstiges

Die Zahnpasta war vielmehr Teil der persönlichen Instandhaltung während der Radtour. Zusammen mit Bürste, Deo und Duschgel sollten sie mich wiedererkennbar in der Heimat ankommen lassen.
Für die Instandhaltung des Fahrrads kamen ein Ersatzschlauch samt Mini-Pumpe, ein Paar Ersatz-Cleats für meine MTB-Schuhe, ein Multi-Tool inklusive Reifenheber, Kettenöl und ein Fahrradschloss mit. Sicher ist sicher…

Sonntagabend 23.30 Uhr. Das Packen war abgeschlossen. Die letzte Nacht auf der Insel stand bevor und sechs Jahre London zogen gedanklich an mir vorbei. Jetzt sackte etwas. Mein psychisches und physisches Ich waren wieder im Gleichlauf.
Montagmorgen noch die Schlüsselübergabe, dann hieß es Bikepacking von London nach Palling!

Wie es mir während der Heimkehr erging erfährst du in Teil 2!

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