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Bikepacking von London nach Palling – Teil 2

Bikepacking mit Gravel Bike in Bayern

*Hinweis zur Transparenz: Sämtliche Erwähnungen und Verlinkungen basieren auf spontanen, persönlichen Erfahrungen und sind unentgeltlich. Kost und Logis sind selbst bezahlt. Ich schreibe offen und ehrlich aus meiner Sicht der Dinge.

Goodbye London, Servus Heimat!

Es ist Montagmorgen in East London. Die Schlüssel meiner Wohnung sind übergeben, die schwere Haustür ist hinter mir ins elektronische Schloss gefallen. Es gibt kein Zurück mehr, ein weiteres Kapitel schließt sich.
Alles was ich noch besitze trage ich an mir oder wird von meinem Fahrrad getragen. Ballast spüre ich jedoch keinen, nur diese positive Aufregung und euphorische Stimmung wegen des bevorstehenden Abenteuers. Was wird mich während der Heimkehr auf zwei Rädern erwarten? Wie wird mir das neue Gravel Bike taugen? Welche Eindrücke wird die geplante Route bereithalten?

Vor mir liegen knapp 1200 Kilometer Radstrecke mit gut 8000 Höhenmetern, drei Länder und ein Ärmelkanal.
Über mir scheint die morgendliche Herbstsonne bei strahlend blauem Himmel.
In mir fühle ich den überwältigenden Drang, loszuradeln.

Über West London nach Wallonien

Anreise / London – Brüssel

Das spürbar beladene Gravel Bike rollt an, die Klicker meiner MTB-Schuhe rasten ein.
Gleich zu Beginn meiner Heimkehr zeigt mir London noch einmal, warum ich über fünf Jahre dort gelebt habe.
Der Auftakt meiner Bikepacking Tour soll nicht durch die Abfahrt mit dem Eurostar vom Bahnhof Kings Cross geprägt werden, sondern vielmehr von der letzten Radstrecke quer durch London dorthin.

Von Ost nach West geht es knapp 12 Kilometer durchgehend am Wasser des ruhigen Regent´s Canal entlang, nördlich um die geschäftige City of London herum, vorbei an langgezogenen Hausbooten, hippen Cafés und Pubs in rotbraunen Backsteinhäusern und dabei durch die verschiedensten Bezirke, jeder mit dem individuellen Charakter einer eigenen Kleinstadt. Die Fahrt lässt gleichzeitig bissl Melancholie und gespannte Erwartung aufkommen.

Dann noch ein letztes englisches Frühstück, bevor mir die Zugfahrt durch den Eurotunnel gerade so Zeit für Organisatorisches gibt: neues Handy samt SIM-Karte und Apps einrichten, Route und Wetterberichte checken, erstes Nachtlager buchen.

Zwei Stunden später habe ich königlich belgischen Boden unter den Reifen. Mit belgischen Böen über mir pedaliere ich stadtauswärts zur heutigen Unterkunft. Nach 25 Kilometern über Feld- und Waldwege sei ich laut Navi dem heutigen Ziel ganz nah. Ganz nah sind aber nur die Dämmerung und der Regenschauer. Dank ausgezeichnet artikulierter Brocken Französisch und etwas Zeichensprache stehe ich letztlich vor einem einsamen Haus. Ich muss wohl die nicht vorhandenen Hotelschilder übersehen haben. Dafür habe ich ein Dach über dem Kopf und einen trockenen Schlafplatz. Abendessen gibt es hier jedoch keines.

Etappe 1 / Brüssel – Huy

Endlich! Nach dem Anreisetag steht der Erste von elf langen Tagen im Sattel an: gut 100 Kilometer beginnend an der Grenze zwischen dem niederländisch-sprachigen Flandern und der französischsprachigen Region Wallonien via Namur bis zum mehrmaligen Tour de France Etappen-Startort Huy. Angepriesen wird er mit dem stetigen Klang prasselnden Regens. Immerhin bieten mir zwei schweigsame Damen Frühstück an. Ob sie dort arbeiten oder wohnen weiß ich bis heute nicht. Ebenso wenig ob ich tatsächlich in dem Haus gewesen bin, das ich gebucht hatte.

Die Strecke führt mich zunächst über Feldwege, umgeben von weitläufigen Ackerflächen, hin zu schmalen Landstraßen und vorbei an alten Windmühlen und Höfen.
Verkehr? Fehlanzeige. Highlights sind die berüchtigten Abschnitte auf holprigem Kopfsteinpflaster durch satt-grüne Wälder.
Der Regen wird dadurch schon bald zur Randerscheinung. Zu nationalen und europäischen Fernradwegen umgewandelte alte Eisenbahntrassen machen entspanntes Radeln inmitten der Natur zur Meditationsübung. Einzig ein heftiger Wolkenbruch zwingt mich kurz vor der geplanten Mittagspause in der wallonischen Hauptstadt Namur zur Flucht in ein wie bestellt auftauchendes Bushäuschen.

Nach einem leckeren Einkehrschwung in Namur nehme ich gestärkt, getrocknet und gewärmt die zweite Tageshälfte in Angriff. Sogar einige Sonnenstrahlen bekomme ich entlang des wild-grünen Flussufers der Maas ab.
Regen bleibt mir zwar an diesem Nachmittag erspart, dafür mache ich nach Durchfahrt der geschichtsträchtigen Altstadt Huy´s unverhofft mit dem radioaktiven Wasser des lokalen Kernkraftwerkes Bekanntschaft.

Die Fahrt in Trockenheit ist jedoch trügerisch und die Wettervorhersage eindeutig. Die trockene Unterkunft war gebucht, drei Kilometer vom tiefen Flussufer entfernt. Diejenigen mit Geologie-Grundkenntnissen wissen was das heißt: Höhenmeter. Dem finalen Anstieg und den durchschnittlich verbrauchten 4500 Kalorien am Tag sollen Rechnung getragen werden – dank Mindestbestellwert gibt’s Pizza zum Abendessen und Pasta zum Frühstück. C’est super!

Etappe 2 / Huy – Rursee (Eifel)

Am nächsten Morgen versprechen ein weiß-blauer Himmel, eine zu überquerende Staatsgrenze und ein paar Anstiege erste distanzierte Heimatgefühle.
Die Zahlen der zweiten Etappe lassen zusätzliche Motivation aufkommen: 110 Kilometer, knapp 1200 Höhenmeter und geschätzte 5 ½ Stunden im Sattel.

Den Auftakt markiert eine rasante Abfahrt zurück zum Flusslauf der Maas und hinein in eine gefühlte Miniaturwelt. Zur Eisenbahnlinie am gegenüberliegenden Ufer reihen sich flussabwärts alte Dörfer, thronende Burgen und steile Felsklippen im ständigen Wechsel und schaffen für den pedalierenden Bikepacker die perfekte Kulisse einer lebensgroßen Modelleisenbahn.

Heimkehr durchs Miniaturland
Miniaturwelt am Maasufer.

25 Kilometer später wechselt nicht nur das Terrain, sondern auch das Höhenprofil. Nach kurzer Stippvisite moderner Zivilisation in Lüttich führt die Route jetzt ostwärts auf teils losem Untergrund in die nördlichen Ausläufer der Ardennen. Lange Buchenalleen, großflächige Apfelplantagen und grüne Weiden bestimmen die Szenerie neben mir. Vor mir wird der Weg abenteuerlicher. Matschige Feldwege und loser Schotter, feuchte Bachquerungen und aufgeweichte Trails drücken der Gravelroute ihren Stempel auf. Will ich zurück zur befestigten Straße? Nein. Weder ich, noch mein Gravel Bike. *An dieser Stelle möchte ich mich bei dem Dieb meines alten Fahrrads herzlich bedanken.*

Beim Einrollen in den hügeligen Nationalpark Eifel ist nicht nur das Kilometerpensum mittlerweile gut vorangeschritten, sondern auch die Tageszeit. Das Etappenziel am Rursee ist noch 30 Kilometer entfernt, die ersten 20 davon geht es jedoch durchgehend bergauf, teils auf stillgelegten Eisenbahntrassen der Vennbahn und ständig umgeben von dichten Wäldern.
Auf halbem Wege lasse ich in Roetgen belgischen Boden hinter mir, das wechselhafte Wetter nehme ich allerdings mit. Denn am höchsten Punkt der Eifel zwingt mich der Platzregen einmal mehr in meine Regenklamotte, nur um mich Minuten später wieder davon zu befreien.

Gerade noch die untergehende Sonne im Rücken und den belaubten Singletrack voraus, sehe ich als Nächstes Blätter und Dreck aus unliebsamer Nähe und einen Ast eingeklemmt zwischen Pedal und Tretlager meines Rads. Wollte ich nicht Wind, Wetter und die Entschleunigung während der Heimkehr hautnah fühlen können? Glücklicherweise fühlen sich Körper und Material unbeschadet an und lassen mich schnell weiterradeln.

Der Sturz ist Zeichen von unwegsamem Gelände und nachlassender Konzentration. Geil war`s trotzdem.
Eine weisere Entscheidung treffe ich mit der Wahl meiner Unterkunft. Anstatt auf dem feuchten Boden des Campingplatzes plane ich die morgige Route im urigen Ferienhof Schmickerath, während draußen der nächtliche Herbststurm tobt.

Durch die Eifel ins Rhein-Main-Gebiet

Etappe 3 / Rursee – Bad Breisig

Etappe drei lässt gleich zu Beginn das Radler-Herz höherschlagen. Auf einsamen Forstwegen geht es zunächst im Naturschutzgebiet um den aufgestauten Rursee herum und anschließend durch den Luftkurort Heimbach, vorbei an denkmalgeschützten Fachwerkhäusern und dutzenden Radlergruppen. Eine Spielwiese für jeden (Renn-) Radfahrer, Wanderer und Outdoor-Enthusiasten.

Ostwärts dem Radfernweg EuroVelo 3 folgend und vom Rückenwind getrieben lasse ich nach 20 Kilometern den Nationalpark Eifel und nach 75 Kilometern NRW hinter mir und erreiche kurz darauf unterhalb von Bonn eine der weltweit verkehrsreichsten Wasserstraßen: den Rhein.

Von nun an geht es Richtung Süden. Die letzten 15 Kilometer flussaufwärts bis Bad Breisig versprühen merklich weniger Wildnis-Flair als noch die Eifel, trotzdem steigt die Neugierde auf die morgige Fahrt durchs Mittelrheintal.
Nach 4,5 Stunden und knapp 100 Kilometern im Sattel erwartet mich am Campingplatz Rheineck sämtlicher Luxus: eine warme Dusche, ein Schlafplatz im hölzernen Weinfass und zum Abendessen eine Packung Salzstangen.
Wetter und Schlafplatz nähern sich langsam dem angedachten Übernachten unter freiem Himmel an. Nur meine Abendmahl-Routine muss noch optimiert werden.

Etappe 4 / Bad Breisig – Bingen

Regen hin oder her, den größten Einfluss beim Radfahren hat der Wind. Gestern noch mein bester Freund, weht er mir heute vom Start weg frontal ins Gesicht. Vor mir liegen 100 Kilometer entlang des Mittelrheins vorbei am Deutschen Eck in Koblenz bis kurz vor Bingen.
So viel vorneweg: die Windrichtung ändert sich im tiefen Rheintal heute nicht mehr.

Wollte ich mein Augenmerk nicht einzig auf meine Trittfrequenz und Mittagspausen richten?
Der Rheinradweg EuroVelo 15 lässt mich genau das machen und führt mich entlang des Flusses durch eine dramatische Landschaft aus steilen Weinbergen, mittelalterlichen Burgen und charismatischen Flussdörfern – alles Teil der UNESCO Welterbestätten. Wem Riesling ein Begriff ist, weiß jetzt, wo ich unterwegs gewesen bin.

Abenteuerlich wird es dann auf den letzten drei Kilometern abseits des Rheins. Die navigierte Gravel-Route wird dank steiler Treppen, umgefallener Bäume und Anstiegen jenseits der 15% mehr zu einer „Hike-a-Bike“-Übung – bei gut 20kg Fahrrad-Setup ein Krafttraining für sich.

Dass es auch eine asphaltierte Alternative gegeben hätte, erfahre ich erst nach Ankunft. An meiner gewählten Route hätte dies aber nichts geändert.
Anders im einzigen Lokal vor Ort – hier gibt es keine Alternative zum Bezahlen mit Bargeld. Das sagen sie mir aber gleich bei Ankunft. Zum Glück habe ich noch einen Müsli-Riegel im Gepäck.

Etappe 5 / Bingen – Kleinwallstadt

Nach zwei entgangenen Abendessen in Folge kommt das Buffet-Frühstück gerade recht. Noch dazu, da heute die Königsetappe der Heimkehr mit fast 150 Kilometern auf dem Plan steht. Das Tagesziel südlich von Aschaffenburg wartet zudem mit einer bekannten Person, netter Gesellschaft und einem warmen Schlafplatz auf.

Zugegeben, meine Beine sind schon vor dem Losrollen etwas schwerer als zuletzt. Sie sollen allerdings das kleinere Übel darstellen, denn schon einige Kilometer später ächzt mein Sitzfleisch doch gewaltig.
Spätestens mit der Überquerung des Rheins auf Höhe der Mainzer Altstadt und der anschließenden Weiterfahrt entlang des Mains Richtung Frankfurt flaut der Spaßfaktor merklich ab. Zunächst vom schmerzenden Sitzfleisch übertüncht, zwickt meine linke Achillessehne nun spürbarer. Dazu zeigt mein Garmin gerademal 40 gefahrene Kilometer an, also auf halbem Weg – zur Mittagspause.

Warum mache ich das? Schlagartig wird mir die anstehende körperliche und mentale Herausforderung dieser Heimkehr bewusst – und das mäßige Wetter gänzlich zur Nebensache.
Motivation spendet der angepeilte Einkehrschwung in Sachsenhausen. Zielgerichtet rolle ich ins traditionelle Apfelweinlokal „Zum Gemalten Haus“. Was ein Frankfurter Schnitzel mit grüner Soße bewirken kann!

Gravel Bike vor Skyline Frankfurt
Nostalgie an alter Wirkungsstätte – Skyline in Frankfurt am Main.

In der zweiten Tageshälfte gesellen sich zu den körperlichen auch noch materielle Verschleißerscheinungen. Irgendwo auf dem Main-Radweg von Frankfurt nach Aschaffenburg hat das Tretlager begonnen beunruhigend laut zu quietschen, vermutlich Nachwehen des Sturzes in der Eifel.
In Seligenstadt gibt es dann Balsam in zweierlei Hinsicht:

  • Zum einen in Form von Öl für die lärmende Tretkurbel.
  • Zum anderen durch eine schippernde Überquerung der Landesgrenze ins gelobte Land.

Auf den restlichen 30 Kilometern komme ich meinem Tagesziel und der Dunkelheit mit jedem Tritt näher. Zunächst führt der Main-Radweg in der Abendsonne vorbei an der imposanten Vierflügelanlage des Schloss Johannisburg in Aschaffenburg. Anschließend erfordert die Dämmerung den erhellenden Einsatz meines Vorderlichtes. Den Schlusspunkt setzt das euphorisierende Glücksgefühl bei der nächtlichen Zieleinfahrt nach knapp sieben Stunden im Sattel.

Endlich angekommen sind die zwischenzeitlichen Zweifel längst wieder verflogen. Aufgeben? Den Zug nehmen? Nicht nach dieser Etappe! Klar, mich treibt der gute Zweck, der innere Schweinehund, der eigene Stolz. Aber letztendlich macht es auch einfach nur unfassbar viel Bock!

Auf der Romantischen Straße Richtung Alpen

Etappe 6 / Kleinwallstadt – Bad Mergentheim

Romantisch ist anfangs weder das Wetter noch das muskuläre Wohlbefinden. Dafür funkt es mit der Psyche, denn mit der gestrigen Marathon-Etappe ist die Hälfte der Gesamtdistanz bereits geschafft – und ein wichtiger mentaler Meilenstein der Heimkehr erreicht.
Die heutige sechste Etappe von Kleinwallstadt bis ins baden-württembergische Bad Mergentheim erscheint mit gerademal 82 Kilometern und 4 Stunden Fahrtzeit kaum wert, mich bei feucht-trübem Herbstklima in die Fahrradklamotte zu werfen.

Allerdings belehrt mich die Streckenführung schnell eines Besseren.
Immer dem fließenden Gewässer folgend geht es zunächst entlang des Main-Radwegs, vorbei an alten Schiffswerften und Trockendocks, bis Miltenberg.
Hier startet dann das Highlight des Tages. Beginnend auf einsamen Radwegen stadtauswärts und flussaufwärts durchs Erftal, schlängelt sich der mittlerweile unbefestigte Waldweg stetig bergauf durch feuchtgrüne Wälder und endet mit einem appetitlichen Einkehrschwung in der restaurierten Wohlfahrtsmühle kurz vor Hardheim.

Wortwörtlich romantisch wird es schließlich auf den letzten 15 Kilometern. Der Taubertalradweg führt weiter gen Süden bis zum Tagesziel nahe Bad Mergentheim in Tauberfranken, flankiert vom Flussufer der Tauber und der Romantischen Straße.

Etappe 7 / Bad Mergentheim – Dinkelsbühl

Nach zuletzt menschenleeren Naturlandschaften stehen auf den heutigen knapp 100 Kilometern ins bayrische Mittelfranken mit Rothenburg und Dinkelsbühl zwei der schönsten Altstädte Deutschlands auf dem Plan – an die 1100 Höhenmeter inklusive.

Die erste Tageshälfte führt anfangs längs des Taubertals durch unbewohnte Ländereien und weitläufige Wälder und danach entlang der bayerisch-württembergischen Landesgrenze bis ins mittelfränkische Rothenburg ob der Tauber. Kurz vor den Toren der Stadt versprüht eine historische Steinbrücke mit Blick auf das Topplerschlösschen und steile Weinberge ersten mittelalterlichen Flair. Innerhalb der begehbaren Stadtmauer warten dann verwinkelte Gässchen, gut erhaltene Fachwerkhäuser und Spezialitäten aus dem fränkischen Weinland auf mich.

Die zweiten 50 Kilometer beginnen über Kopfsteinpflaster stadtauswärts durch das 400 Jahre alte Spitaltor auf der überraschend verkehrsarmen Romantischen Straße. Danach geht´s stetig flussabwärts der Wörnitz folgend vorbei an typischen Teichwirtschaften bis in Deutschlands schönste Altstadt in Dinkelsbühl.

Eine Fahrt quer durch das vollständig ummauerte, spätmittelalterliche Städtchen wird nur noch durch den kulinarischen Genuss beim abendlichen „Vespern“ bei der fränkischen Gastfamilie übertroffen.

Etappe 8 / Dinkelsbühl – Mertingen

Was bei der Tour de France der Erholungstag ist, stellt bei mir die achte Etappe dar. Ein tretloser Ruhetag ist zwar aufgrund der in vier Tagen zu feiernden Hochzeit nicht drin, dafür etwas erhoffte Regeneration auf einer verkürzten Tagestour.
Zwei Tage noch wird sich die Romantische Straße wie ein roter Faden durch meine digitale Landkarte ziehen und mich auch auf den heutigen gut 70 Kilometern ins bayerische Schwaben bis Mertingen begleiten.

Als erster Blickfang erhebt sich nach wenigen Kilometern der Hesselberg vor mir, mit 690 Metern die höchste Erhebung Mittelfrankens und dank seiner Höhenmeter bekannt im Radsport als Schlussanstieg und Zieleinkunft der Deutschlandtour.
Der Titel des zweiten Hinguckers des Tages geht an die mittelalterliche Burganlage der Burg Harburg, nach der vorigen Streckenführung teils entlang der Bundesstraße eine willkommene visuelle Zeitreise in die Vergangenheit.

Kurzweilige 20 Kilometer später ist das heutige Pensum am frühen Nachmittag auch schon geschafft und überfordert mich gleichzeitig. Was anfangen mit der ungewohnt vielen freien Zeit?
Glücklicherweise lädt die „Alte Brauerei Mertingen“ mit hausgemachten und regionalen Köstlichkeiten nicht nur zum nächtigen, sondern auch zum ausgedehnten Mittag- und Abendessen ein.

Das servierte Essen hat allemal Profi-Niveau. Auf die professionelle Physio-Behandlung, wie sie Rennradstars bekommen, warte ich allerdings vergeblich. Für mich muss die entzündungshemmende Salbe aus der hiesigen Apotheke reichen.

Etappe 9 / Mertingen – Schongau

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.
Das gilt einerseits nach der gestrigen Halbtagestour für die heutige Distanz und andererseits nach den bisherigen neun Regentagen für das vorhergesagte sonnig-warme Wetter ab Samstag. Meine Ankunft in der Heimat ist allerdings für Freitag geplant.

Zunächst prallen die warmen Gedanken jedoch auf die feucht-kalte Realität im Schwabenland. Bei gefühlt einstelligen Temperaturen, Nieselregen und Gegenwind steht mir ein Willensakt bevor. Und trotz des stetigen Bergauffahrens sollen die geplanten 130 Kilometer bis ins oberbayerische Schongau eine ungeahnte Achterbahnfahrt der Gefühle werden.

Denn kaum losgeradelt vergesse ich Wetter, Mühen und Menschen schnell. Allein auf weiter Flur, umgeben einzig von dunkelgrünen Wäldern, rauschendem Wasser und frischem Fahrtwind, folge ich dem Lechufer auf dem Schotterweg durch menschenleere Wildnis südwärts.

Erst nach den ersten 30 Kilometern klatschen die Regentropfen spürbarer auf meine Brille und Regenjacke. Wenige Minuten und eine Stadtdurchfahrt später habe ich zwar Augsburg hinter, aber strömenden Regen über mir. Bohrende Blicke gen Himmel helfen nichts – wie ein Magnet ziehe ich auf den kommenden 50 Kilometern einen konstanten Wolkenbruch mit mir mit.
Kurz vor den Stadtmauern von Landsberg lässt der Niederschlag nach, nur um innerorts in Form eines orkanartigen Sturms und heftigen Gewitterregens wieder über mich herzufallen.

Radtour Blick auf Lechtal
Oberhalb des Lechtals, direkt im Wind.

So schnell das Wetter anfangs vergessen war, ist es nun mit sämtlichen Sinnen dauerhaft spürbar. Auf den restlichen 50 Kilometern wird dank Gegenwind im Gesicht, klammen Klamotten und feuchten Füßen die Sitzposition windschnittiger, die Schuhe zum Kältebecken und das Radfahren zum Kampf gegen die Elemente. Erneut lehnt meine innere Stimme eine Zugfahrt dankend ab.

Doch auch die Heimkehr rückt mit der Ankunft in Schongau spürbar näher. Die Berge kann ich nun sehen, die Höhenmeter in den Beinen fühlen und den Dialekt verstehen.

Durch das bayerische Voralpenland in die Heimat

Etappe 10 / Schongau – Schliersee

Morgensonne! Tag 11 der Heimkehr und Tag eins der Aufzeichnung von Sonnenstunden. Her mit Bibshort und Kurzarm Jersey, weg mit der Regenjacke!
Die ausstehenden 200 Kilometer werden gleichmäßig auf die letzten beiden Tage verteilt. Das letzte Nachtlager ist mit einem Campingplatz am Schliersee angedacht.

Parallel zu den Bergen führt die erste Tageshälfte den Hohenpeißenberg hinab, dann über langgezogene Hügel und durch weitläufige grüne Weiden, immer mit der Aussicht auf die Alpen bis in die Kurstadt Bad Tölz.

Ermüdungserscheinungen weichen dem ausgeschütteten Adrenalin angesichts dieser Kulisse. Zu meiner Absicht, täglich und stetig zu radeln, gesellt sich ein konstantes Grinsen. Zugegeben, Fahrradfahren macht bei Sonnenschein doch mehr Bock.

Der Nachmittag zeigt sich auch wegen der Streckenführung des Bodensee-Königssee Radwegs vielfältig. Auf alpinen Forststraßen schlängle ich mich vorbei am Tegernsee durch das bayerische Voralpenland, die gesammelten Höhenmeter dabei ständig steigend. Nur das Wetter wird grauer und unbeständiger.

Pünktlich zum Check-in auf dem Campingplatz bestätigt ein Blick auf die Wetter App die aus Westen kommenden Sturmböen. Auch wenn ich unbedingt campen wollte, bin ich kurz darauf froh in meinem sturmfesten Gästezimmer zu liegen und nicht samt Zelt auf dem Schliersee zu schwimmen.
Die Camping-Ausrüstung werde ich auf dieser Tour nicht mehr brauchen. Dafür habe ich sie gut 1100 Kilometer in meinen Bikepacking Taschen spazieren gefahren…

Etappe 11 / Schliersee – Palling

Über mir scheint die morgendliche Herbstsonne bei strahlend blauem Himmel.
In mir fühle ich den überwältigenden Drang in meine Heimat zu radeln.
Die positive Aufregung und Euphorie vom Tag der Abfahrt in London sind präsenter denn je.

Kaiserwetter, atemberaubendes Bergpanorama und das bayerische Meer verwandeln die letzte Etappe in eine einzige Freudenfahrt.
Mehrere steinige Bachquerungen auf Forstwegen machen die letzte Etappe zunächst abenteuerlich, ein Ausblick von Schloss Neubeuern atemberaubend. Den Schlussakt der Heimkehr markiert der Chiemgau mit Blick auf die Kampenwand, dem Geschmack von Heimat bei der mittäglichen Einkehr und dem Radeln entlang des Chiemsees.

Die Zeit scheint still zu stehen, während die malerische Landschaft an mir vorbeizieht. Vergessen sind die Strapazen der letzten Tage. Meine Leidenschaft ist zum Alltag gemacht.

Ich spüre die Beschleunigung, aber fühle Entschleunigung. Ein Gefühl der Freiheit.
Servus Heimat!

PS: Das Streckenprofil meiner Heimkehr samt aller Einzeletappen findest du in meiner Komoot-Collection.

Was ist deine Motivation, wenn du bei widrigem Wetter mit dem Fahrrad unterwegs bist? Wie schaut deine perfekte Radtour aus? Schreib einen Kommentar und lass andere Leser auch an deiner Leidenschaft teilhaben!

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4 Kommentare

  • Carina
    19. Januar 2021 um 11:40

    Hört sich nach einem sehr geilen Trip an! Bei besserem Wetter wäre ich glatt dabei gewesen 😉

    Antworten
    • Stephan
      19. Januar 2021 um 15:30

      Schlechtes Wetter gibt es nicht, nur die falsche Ausrüstung! 🙂

      Antworten
  • Angela
    3. Februar 2021 um 21:20

    Wahnsinnstour! Chapeau.. Zum zweiten..!

    „gfoin dad ma des a, aber soo radl narrisch bin i ned“…

    Glg Angie

    Antworten
  • Stephan
    4. Februar 2021 um 10:23

    Vielen Dank! Distanz und Zahlen sind relativ, das Gefühl beim Radfahren macht den Reiz! 😉

    Antworten

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