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Biken / Brühen

Zauberhafte Zona Cafetera – Teil 1

Valle de Cocora in der Zona Cafetera in Kolumbien

*Hinweis zur Transparenz: Sämtliche Erwähnungen und Verlinkungen basieren auf spontanen, persönlichen Erfahrungen und sind unentgeltlich. Ich schreibe offen und ehrlich aus meiner Sicht der Dinge.

Wie plant man ein Sabbatical?

Gar nicht! Meinen Job in London hatte ich gekündigt und mir damit meine Auszeit selbst geschaffen. Der erste und wohl wichtigste Schritt hin zur Verwirklichung meines langgehegten Traumes war damit getan.

Warum ich kein Sabbatical machen wollte?
Zum einen, da ich keine zeitliche Befristung ab dem ersten Tag meiner Auszeit wollte.
Zum anderen, weil ich meine Entschlossenheit, etwas Neues auszuprobieren, nicht durch eine bequeme Rückkehrmöglichkeit in meinen alten Job torpedieren wollte.
Recht weise Argumente, wie sich herausstellen sollte.

„Das Leben schrumpft oder dehnt sich aus, proportional zum eigenen Mut.“

Anäis Nin

Ein langgehegter Traum

Den Entschluss zur Kündigung fasste ich ehrlicherweise nicht über Nacht.

Vielleicht kennst du das auch? Du malst dir die großartigsten Pläne und Vorhaben aus, wirst total euphorisch und bist fest davon überzeugt, sie Realität werden zu lassen. Doch dann kommt das „ja, aber“ dazwischen, mit Ausreden, Ein- und Vorwänden, die dich in deiner Komfortzone halten wollen.

Nicht selten ertappte ich mich dabei, wie ich mir meine Ideen und Pläne aufs Neue gedanklich zurechtlegte, nur um die Umsetzung dann doch wieder aufzuschieben.
Doch was ist, wenn ich es nicht mache? Würde ich es irgendwann bereuen? Und wie würde ich mich fühlen, wenn ich es mache?
Der Reiz war am Ende zu groß, der eigene Geduldsfaden zu kurz und mein Traum vom Leben in Südamerika ein Herzenswunsch.

Meine langjährige Begeisterung für die spanische Sprache, lateinamerikanische Kultur und Lebensweise brachte mich erstmalig Ende 2017 für eine 3-wöchige Rucksackreise nach Südamerika.

Seitdem ließen mich die damals erlebte Lebensfreude und der Reiz dieses exotischen Abenteuers nicht mehr los. Ein paar Folgereisen in weitere lateinamerikanische Länder sollten meine Sehnsucht keinesfalls stillen, sondern nur verstärken.
Hinzu kamen meine entdeckte Leidenschaft fürs Fahrradfahren und das Interesse am Kaffeeanbau. Gefunden war das Reiseziel, um meinen Traum wahr werden zu lassen.

Nach der Heimkehr ist vor der Heimkehr

Der Auftakt meiner Auszeit war mit meiner 12-tägigen Heimkehr auf zwei Rädern von London nach Palling im Spätherbst 2019 geschafft. Auf diese sollte kurz darauf ein weiteres Abenteuer mit einer erneuten Heimkehr aus Südamerika folgen.
Ein Reiseführer für Bali, seines Zeichens eine Einladung und Herzensangelegenheit zugleich, sollte die Reise nach Lateinamerika allerdings ins neue Jahr 2020 verschieben – dafür dann aber mit zwei Passagieren an Bord.

Tatsächlich liegen zwischen meiner Heimkehr aus London und der Rückreise aus Südamerika 12 Monate, drei Kontinente, tausende geradelte Kilometer und jede Menge neuer Eindrücke.

Kolumbien und die Zona Cafetera

Wo liegt Kolumbien und wohin genau soll es gehen?
Das nördlichste Land Südamerikas und das einzige mit einer Pazifik- und Atlantikküste vereint die Faszination ganz Lateinamerikas innerhalb seiner Landesgrenzen:

  • hoch aufragende, schneebedeckte Gipfel des Andengebirges,
  • karibische Sandstrände,
  • tropische Regenwälder im Amazonasgebiet und
  • mystische, scheinbar vergessene Kolonialstädte.

Zudem ist Kolumbien dank seiner Nähe zum Äquator mit einem feucht-tropischen Klima ohne extreme Temperaturschwankungen Teil des globalen Kaffeegürtels.
Dies macht die „Zona Cafetera“, auch „Eje Cafetero“ (Kaffeeachse) genannt, im Zentrum der kolumbianischen Andenregion nicht nur ideal für den Kaffeeanbau und zum UNESCO Weltkulturerbe, sondern auch für mich zur perfekten Gegend, um meiner Neugierde für Kaffee nachzugehen.

Gleichzeitig herrscht in Kolumbien eine langjährige, glühende Begeisterung fürs Fahrradfahren, zuletzt zusätzlich befeuert durch internationale Erfolge von Fahrradprofis wie Nairo Quintana und Egan Bernal. Letzterem gelang in 2019 der erstmalige „Tour de France“-Gesamtsieg eines Kolumbianers, womit er den zweirädrigen Breitensport in Kolumbien zum Siedepunkt brachte – und meine Vorfreude aufs Biken und Brühen ebenso.

Zusammen mit der gefundenen Mietwohnung in Armenia, der Hauptstadt der Region Quindío inmitten der „Zona Cafetera“, waren die Voraussetzungen für ein gelungenes Abenteuer geschaffen.
Umso mehr noch, da uns unser fahrradbegeisterter Vermieter bereitwillig vorab erste Tipps und Kontakte für Kolumbien gab.
Doch was würde uns vor Ort erwarten? Wie würden sich meine Vorhaben umsetzen lassen?

Wie Phönix aus der Asche

Was kommt dir als Erstes in den Sinn, wenn du an Kolumbien denkst?
Drogenkriege, Entführungen, Guerillas?
Allesamt Klischees, die leider immer noch gängig sind, angeheizt nicht zuletzt durch unser liebstes Entertainment von Netflix, Narcos und Nilpferden.
Jedoch muss ich die treuen Serienfans enttäuschen, denn die Realität sieht dann doch etwas anders aus.

¡Buenas!

Die ersten Eindrücke in der „Zona Cafetera“ waren überwältigend. Ich weiß nicht, ob es an der eigenen Aufregung, dem atemberaubenden Blick auf das Andengebirge mit seinen satt-grünen Berghängen oder der entgegengebrachten Gastfreundschaft lag. Die lange Anreise und der ermüdende Jetlag waren in der wunderschönen Kaffeezone jedenfalls schnell vergessen.

Kaum angekommen, stand auch schon die erste Ausfahrt auf dem Fahrrad auf dem Plan. Ich hatte geradeso Zeit genug, mein Gepäck zu sortieren und mein mitgebrachtes Gravel Bike nach der Flugreise wieder zu montieren.

Zeit zum Akklimatisieren blieb mir kaum, aber das würden Diego und Juan, meine beiden sportlichen Begleiter aus dem lokalen Triathlon-Team, übernehmen.

Natürlich gehört zu jeder vernünftigen Fahrradtour ein frisch gebrühter Kaffee.
Mit dem morgendlichen Koffein im Blut radelten wir zum Auftakt raus aus Armenia und vorbei an weitläufigen Kaffeefincas und Avocado-Plantagen, im Hintergrund stets die majestätische Andenkordillere der Kaffeeregion.
Nach einem steilen Anstieg rauf in den beliebten Bergort Salento zog sich die Straße schier endlos kontinuierlich bergauf und hinter bis ins auf 2600 Metern gelegene „Valle de Cocora“ – ein Tal populär als Ausgangspunkt für spektakuläre Wanderungen und berühmt für seine bis zu 60 Meter hohen Wachspalmen.

Während kolumbianischer Hochlandkaffee auf einer Höhe zwischen 1200 und 2000 Metern über Meeresspiegel gedeiht, scheinen kolumbianische Radfahrer jenseits dieser Höhen erst richtig aufzublühen.
65 Kilometer und 1600 Höhenmeter später war meine Akklimatisierung vollzogen.

Gerade erst kennengelernt, saßen wir dank der geteilten Leidenschaft fürs Biken und Brühen noch am gleichen Abend bei Diego zuhause. Als gelernter Barista und stolzer Kolumbianer führte er uns ausführlich in die verschiedenen Zubereitungsmethoden „seiner“ heimischen Arabica-Kaffees und die hiesige Gastfreundschaft ein.
Es sollte ein wiederkehrendes Muster sein und die Redewendung „Con mucho gusto!“ (Sehr gern geschehen!) der kolumbianischen Gastfreundschaft einen Ausdruck verleihen.

Zwei Gringos nehmen Rhythmus auf

Nicht nur die Gastfreundschaft ist landestypisch, auch die kolumbianische Küche weiß mit regionalen Köstlichkeiten der „Zona Cafetera“ zu überzeugen. In einen Supermarkt in Kolumbien zu gehen ist dank der exotischen Früchte wie ein großes Ratespiel.

Kolumbien hat zwar mit Bogotá und Medellín moderne Städte, jedoch ist es ein Land, das „Campesino“ (Landwirt) im Herzen ist. Das zeigt sich auch am kolumbianischen Nationalgericht, der „Bandeja Paisa“.

Diese wohl deftigste Speise ist gleichzeitig mein kulinarisches Highlight, vor allem nach einer langen Radtour. Es ist ein kräftiger Eintopf mit roten Bohnen, Rindfleisch, Blutwurst, gegrillter Chorizo, Chicharrón (Schweineschwarte), Reis, Spiegelei, gebratener Kochbanane, Avocado und Arepa (runder Maisfladen).

Serviert wird das Gericht auf einer „Bandeja“ (Servierplatte). „Paisa“ bezeichnet die Menschen in und um Medellín und der „Zona Cafetera“, wobei vor allem Farmarbeiter auf die kraftgebende Mahlzeit schwören. ¡Buen provecho!

Kulturelles Highlight sind die allgegenwärtige Lebenslust gepaart mit der offenen und herzlichen Art der Kolumbianer.
Und nichts könnte dies besser verkörpern als Salsa, ein südamerikanischer Gesellschaftstanz.
Südamerikaner scheinen dabei Naturtalente zu sein, gesegnet mit einem Rhythmus- und Körpergefühl, von dem wir Gringos nur träumen können.
Zwar noch keine vier Wochen im Land, waren wir jedoch bereits voll im Alltag integriert und zur Aufarbeitung unserer rhythmischen Defizite für unseren ersten Salsa-Kurs angemeldet.
¡Chévere!

Eine Auszeit zur Unzeit?

Gerade als unser Leben vor Ort dabei war Fahrt aufzunehmen, wurden die Karten auf ihre ganz eigene Weise neu gemischt.

Für Südamerika äußerst ungewöhnlich, war es um 22 Uhr quasi geräuschlos in der sonst so lebhaften Stadt. Keine lautstarken Obstverkäufer, keine hupenden Mopedfahrer, keine singenden Straßenmusikanten. Die Pandemie hatte auch Kolumbien erreicht – und uns die nächtliche Ausgangssperre.

Sie war jedoch nur der Vorbote einer für das Wochenende geplanten, regionalen Quarantäne. Während wir die vormittägliche Freiheit für eine vermutlich letzte Fahrradtour nutzten, standen schier hunderte Kolumbianer in auffällig langen Warteschlangen vor den Supermärkten und sorgten sich scheinbar um die Sicherung ihres Grundbedarfs.
Trotz der grandiosen Landschaft und des strahlenden Sonnenscheins im Eje Cafetero kreisten unsere Gedanken dann doch teils um den eigenen Kühlschrankinhalt.

Diese letzte Ausfahrt sollte sich allerdings als weise Entscheidung herausstellen, denn die regionale Quarantäne ging direkt im Anschluss in einen 5-wöchigen landesweiten Lockdown über. Auf absehbare Zeit würden wir weder die Sonne noch die Bewegungsfreiheit genießen können – der wöchentliche Lebensmitteleinkauf ausgenommen.
Türsteher standen jetzt nicht mehr vor den Clubs der Stadt, sondern am Eingang der Supermärkte. Der Verkauf von Alkohol war von nun an verboten und der Toilettenpapierbestand kontrolliert.

Wer spanische Nachrichten lesen kann ist vor allem in solch einer Situation klar im Vorteil! Der Land- und Luftverkehr wurde eingestellt, die kolumbianischen Landesgrenzen waren geschlossen.
Aus lustigen Videokonferenzen mit Familie und Freunden wurden ernste Telefonate mit der deutschen Botschaft und dem lokalen Konsulat.

Meine eigens geschaffene Auszeit und alle damit verbundenen Hoffnungen und Träume wankten plötzlich gewaltig. Wie würde sich die (Sicherheits-) Lage in Kolumbien entwickeln? Müssten wir kurzerhand ausreisen? Falls ja, wie überhaupt?

Was aus meinen Vorhaben und Zielen in der „Zona Cafetera“ wurde, erfährst du in Teil 2!

Wie brichst du aus deiner Komfortzone aus? Was reizt dich an Südamerika? Welche Erfahrungen hast du mit lateinamerikanischer Lebensfreude gemacht?
Hinterlasse einen Kommentar und teile gern deine eigenen Erlebnisse und Anregungen!

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4 Kommentare

  • Andy
    3. Februar 2021 um 13:17

    Geniale Eindrücke! Scheint ein sehr cooler Trip gewesen zu sein. Macht Lust darauf, selbst etwas zu planen. 😊👍

    Antworten
    • Stephan
      3. Februar 2021 um 21:05

      Freut mich zu hören! Auf jeden Fall. Die einzige Gefahr an Kolumbien ist, bleiben zu wollen! 😉

      Antworten
  • Angela
    3. Februar 2021 um 21:16

    Respekt Stephan!

    Bin begeistert von deinem Mut, der Energie und den umgesetzten Visionen, die diesen Lebensabschnitt so aufregend bereichert haben…! Chapeau lieber Neffe!

    Glg Angie

    Antworten
    • Stephan
      4. Februar 2021 um 10:26

      Die Frage war Hamsterrad oder Fahrrad? Die Abwägung war, wieviel Selbstwert gebe ich mir und meinen Träumen… 🙂

      Antworten

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