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Brühen / Biken

Zauberhafte Zona Cafetera – Kolumbien Teil 2

Kolumbien - Ausblick von Finca El Ocaso in Salento

*Hinweis zur Transparenz: Sämtliche Erwähnungen und Verlinkungen basieren auf spontanen, persönlichen Erfahrungen und sind unentgeltlich. Ich schreibe offen und ehrlich aus meiner Sicht der Dinge.

Gekommen um zu bleiben?

Unsere Ausgangslage war klar. Die Rückflüge waren storniert, Kolumbiens Landtransport als auch der internationale Flugverkehr wurden eingestellt und die kolumbianischen Grenzen waren geschlossen.
Unsere Rückkehr war unsicher. Die wenigen humanitären Rückholflüge waren kurzfristig terminiert, Familien mit Kindern priorisiert und Sitzplätze vorab nicht garantiert.
Wir waren knapp zehn Autostunden vom Flughafen in Bogotá entfernt, ohne Kinder, ohne Ticket und ohne triftigen Grund, schnellstmöglich zurück zu müssen.

Sollten wir alles riskieren, um irgendwie rechtzeitig nach Bogotá zu kommen, nur um dann auf unbestimmte Zeit am kolumbianischen Hauptstadt-Flughafen zu stranden?
Oder sollten wir zwar erstmal bis auf weiteres, aber dafür mit selbstbestimmter Perspektive in Kolumbiens Kaffeeregion bleiben?

Kaffeeregion Kolumbien Ausblick auf Andengebirge in Zona Cafetera
Kolumbiens Kaffeeregion – Ausblick aufs Andengebirge

Unsere Entscheidung war getroffen: wir waren gekommen um zu bleiben!

Bayerischer Bewegungsdrang trifft kolumbianische Quarantäne

Wer eine Entscheidung trifft, muss mit den Konsequenzen leben.
Letztere sahen für die nächsten fünf Wochen unter anderem so aus:

  • Fahrradfahren: nein.
  • Joggen gehen: nein.
  • Sport im Freien: nein.
  • Spazieren gehen: nein.

Zumindest zum Einkaufen durften wir raus – an einem (1!) Tag pro Woche, auf direktem Weg und alleine.
Meinen ausgeprägten Bewegungstrieb konnte dies nur marginal lindern.
Das hauseigene Fitnessprogramm, bestehend aus zehn Stockwerken, vollen Wassergallonen und einer Liegestütz-Challenge, war dann auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Der herbeigesehnte Heilsbringer kam gut einen Monat später. Sport an der frischen Luft wurde erlaubt!
Aber nur einmal täglich, von 6 bis 7 Uhr morgens und nur im Umkreis von einem Kilometer um die eigene Wohnung.
Das klingt jetzt nicht nach viel, aber wenn man von Null kommt…

Meine Vorhaben in der Theorie

„Wir brauchen nicht so fortzuleben, wie wir gestern gelebt haben. Machen wir uns von dieser Anschauung los und tausend Möglichkeiten laden uns zu neuem Leben ein.“

Christian Morgenstern

Klar, am liebsten wäre ich jeden Tag in den kolumbianischen Anden Fahrrad gefahren und hätte mir dann auf hochgelegenen Kaffeefarmen die trockene Kehle mit brühwarmem Arabica-Kaffee befeuchtet.

Ob ich dann den räumlichen Einschränkungen und sozialen Kontaktverboten trotzdem etwas Positives abgewinnen konnte?
Ja, man muss es nur erkennen und wahrnehmen!
So eingeschränkt der Alltag auch war, brachte er doch etwas sehr Wertvolles: Zeit und Fokussierung.
Doch was damit und mit sich selbst anfangen?

Das Schrauber-Einmaleins

Nach ein paar heimischen Schrauber-Kursen noch vor Abreise aus Deutschland sollten als erstes die angeeigneten Kenntnisse vertieft und der Balkon zur Fahrradwerkstatt umfunktioniert werden.
Denn egal ob auf Tour oder Zuhause, die Wartung und Reparatur von Schaltwerk, Scheibenbremsen und Schlauch(los)reifen will geübt sein.
Die Reparaturmodelle standen bereit und die Anweisungen zur Fahrradmechanik gab es virtuell.

Falls du selbst gern am eigenen Fahrrad schrauben möchtest, aber bisserl Hilfe benötigst, kann ich dir die zwar englisch-sprachigen, jedoch leicht verständlichen Videos von Park Tool empfehlen.
Du hast eigene Vorschläge zur Heimfahrradmechanik? Dann teile diese gern mit einem Kommentar am Ende des Beitrags!

Was macht ein Barista?

Cafés und Fincas waren für Gäste geschlossen, warum also nicht an seinen eigenen Barista Fähigkeiten arbeiten?

Gesagt, getan. Dank unserer Gastfamilie, inzwischen vielmehr eine Ersatzfamilie, wurde unsere Vorratskammer zum Kaffeelager. Dank Chemex, French Press und Handfilter wurde unsere Küche zur täglichen Brühstube. Und dank dem geschulten Auge unseres Gastgebers Mauricio wurden meine Barista Fähigkeiten beim manuellen Aufbrühen zum Kaffeegenuss.

Handgebrühter Filterkaffee ist jedoch nur die eine Kunst – einen balancierten Espresso zu machen ist die andere.
Welchen Einfluss hat der Mahlgrad der Kaffeebohnen auf den Geschmack? Wie wird Espresso optimal extrahiert? Und wie gießt man das perfekte Herz in den Cappuccino?

In typisch kolumbianischer Gastfreundschaft kam die geliehene Espressomaschine von Mauricio – „iCon mucho gusto!“. Den digitalen Home Barista Kurs gab´s von den Schweizer „Kaffeemacher“.
Gut 30 Clips und tagelanges Brühen und Üben später war ich um viele Erkenntnisse, Espressi sowie das Kaffeemacher Home Barista Diplom reicher.

Die gedankliche Freiheit in räumlicher Begrenzung festigte eine weitere Erkenntnis:
Fahrräder und Kaffee gehören unter ein Dach.
Ein Gedanke, den ich weiterverfolgen wollte – und der Startschuss für die Arbeit an meinem Blog und dieser Website mit der Vision vom „Heimkehr Café“.

Meine Vorhaben in der Praxis

Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen wurden Monate und aus Monaten wurden… Lockerungen!
Restaurants empfingen wieder Gäste, Tanzschulen lehrten wieder rhythmische Bewegungen und die Fahrradkultur lebte wieder auf.

Vom Schrauber zum Schleifer

Das Herz der regionalen Radsportszene schlägt im Zentrum der Stadt Armenia, genauer gesagt im Café und Trainingszentrum „BICIO“ („bici“ steht dabei umgangssprachlich für Fahrrad („bicicleta“)).

Es ist gleichzeitig Treffpunkt gelebter Fahrradkultur und Trainingsort für mehr oder weniger ambitionierte Zweiradenthusiasten. Allgegenwärtig sind die signierten Fotos und Trikots nationaler Radsportgrößen – in Kolumbien gefeierte Volkshelden – und schaffen zusammen mit den Fahrrad-Rollentrainern eine ebenso inspirierende wie schweißtreibende Atmosphäre.
Die geballte Expertise kommt dabei vom motivierenden Inhaber Ánibal, dessen personalisierter Trainingsplan meine getretene Wattleistung dreimal pro Woche in ungeahnte Höhen klettern ließ.

In ungeahnte Höhen sollten mich auch die gemeinsamen Ausfahrten mit der BICIO-Radgruppe durch Kolumbiens faszinierende „Zona Cafetera“ bringen.
Denn eines sei gesagt: ebene Strecken gibt es aufgrund der Zentralkordilleren in der Kaffeeregion Kolumbiens nicht.
Trotz all der körperlichen Anstrengung wusste die wunderschöne Landschaft stets noch einen drauf zu setzen.

Mein absolutes Highlight stellte dabei der “Hausberg“ der lokalen Rennrad-Szene dar: der Anstieg auf den knapp 3300 Meter hoch gelegenen Pass „Alto de la Línea“. Aufreibende wie atemberaubende Eindrücke dazu gibt’s in meinem extrigen Blogbeitrag!

Doch wie wurde ein Bayer Teil des kolumbianischen Radsports?
Klar, geeint hat uns alle die geteilte Leidenschaft fürs Radfahren. Aber es war die unvoreingenommene Neugier der Kolumbianer, die mir mit ihrer offenen und interessierten Art die Tür öffneten und den kolumbianischen Spirit näherbrachten.
iDuro! iDuro! iDuro!

Vom Rennrad zum Röster

Eine geteilte Leidenschaft führte mich auch zu Santiago, seines Zeichens Barista, Kaffeebauer und Röster auf seiner familiengeführten Finca „El Ocaso“.
Nach einer ersten Kaffeepause während eines Fahrradausflugs war klar, dass ich zurückkommen musste. Wie kommt der Kaffee in die Tasse, wie wird er angebaut und wie wird er zu trinkfertigem Kaffee veredelt? Hier würde ich meine Wissbegierde stillen können.

Erste tiefe Einblicke in die harte Arbeit auf einer Kaffeefarm ermöglichte eine ganztägige Kaffeetour – sowohl vor als auch hinter den Kulissen. Quasi von der Pflanze bis zur Bohne erstreckte sich die Führung von Botanik und Kaffeeanbau über die Reifestadien der Frucht bis zur Kaffeeernte – eine genüssliche Verkostung inklusive.

Einem entscheidenden Prozessschritt wollte ich in einem separaten Kurs besondere Beachtung schenken: dem Rösten.
Welche Kaffeevarietäten müssen wie geröstet werden? Wie unterscheidet man fehlerhafte von makellosen Kaffeebohnen – geschmacklich als auch optisch? Und wie sieht eine optimale Röstkurve aus?
Vier Tage lang nahm sich Santiago meiner an und teilte sein angehäuftes Wissen mit mir. Keinesfalls eine reine Trockenübung, stand ich schnell selbst am Röster. Schließlich (er)fordert Rösten sämtliche Sinne: hören, riechen, sehen und fühlen.
Anfangs noch im Kaffeelabor, durfte ich zum Abschluss erste Röstkurven am 10-Kilogramm-Trommelröster rösten und meine ersten eigenen Geisha-Kaffeebohnen veredeln.

Von Heimkehr und Hochzeiten

Ich hatte mir die zeitliche Flexibilität geschaffen, um meinen Leidenschaften für Kaffee und Fahrradfahren nachzugehen und meiner Vision vom „Heimkehr Café“ Raum zu geben.
Ich hatte mir die Bequemlichkeit der Rückkehroption in meinen alten Job genommen, um meine zweirädrige Begeisterung zum beruflichen Alltag im Bikestore im Chiemgau zu machen.

Ja, meine eigens geschaffene Auszeit und sämtliche damit verbundenen Vorhaben und Träume drohten zwischenzeitlich zu platzen. Rückblickend sah sie doch etwas anders aus, als ich mir das anfänglich vorgestellt hatte.
Ob ich daran etwas ändern würde?
Nein. Meine Auszeit war perfekt so wie sie war und ich bin für jeden einzelnen Tag in der Kaffeeregion Kolumbiens dankbar.
Denn die einzige Gefahr an Kolumbien ist, bleiben zu wollen.

Doch nach gut acht Monaten in Südamerika stand schließlich unsere Heimkehr fest.
Ein Sonderflug war gefunden und als Trauzeuge galt es, pünktlich zur Hochzeit in Bayern zu sein.
iHasta luego!

Du hast selbst Erfahrungen oder Interesse am Rösten oder bist der südamerikanischen Lebensfreude erlegen? Teile dies gerne mit einem Kommentar unten!

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